Die jüngste (gewonnene) Herausforderung von Luca Ronconi hat etwas episches: der römische Regisseur, nach jahrelangen Studien, beschenkt sein Publikum mit der Darstellung eines der (in Italien) weniger bekannten Romane von Henry James, "What Maisie knew". Eine Erzählung, die auf den Schienen der Kindheitserinnerungen reist: die Hauptdarstellerin (ein sechs Jahre altes Mädchen) rekonstruiert ihr persönliches Drama, das nach der Trennung ihrer Eltern begann. Ein Rückwärtsgang, der voll von Gedanken und Fakten ist, aber den vor allem die kühle Distanz zwischen der Erwachsenen- und Jugendwelt zeichnet.Ein Krieg zwischen Erwachsenen (tatsächlich handelt es sich hier um eine Art Krieg), der sich mit verbalen Kämpfen, Fechthieben und Egoismus austrägt, während die "Frucht der Liebe" nach und nach verfault. Maisie wird von einer monumentalen Mariangela Melato Körper und Geist verliehen, die während der gesamten Dauer des Vorstellung auf der Bühne steht (dreieinhalb Stunden). Die Schauspielerin verkörpert das kleine Mädchen, ohne auf besondere Tricks oder ein verfälschtes Stimmchen zurückzugreifen, was allerdings ihre Interpretation nicht weniger glaubhaft macht. Im Gegenteil gelingt es ihr meisterhaft, die erinnerten Zeiten (das erzählende Ich) von den Erinnerungen selbst (die gelebten Szenen) zu unterscheiden, indem sie sich nur Gesten bedient und den Timbre der Worte moduliert.
Der gesamte Mechanismus funktioniert generell perfekt: die Bühnenbilder (ein Spiel aus Spiegeln, das von einem fast manischen Einsatz von schwarzen Vorhängen bewirkt wird) stellen gut die Idee einer Puzzlegeschichte dar, die nach und nach wieder zusammengesetzt wird. Das gleiche Ziel verfolgen die sanfter Lichteffekte und die eben angedeutete Musik, während die Kostüme original aus der Epoche des Romans sind und von Elisabetta Beraldo bei Antiquitätenhändlern und in Second-Hand-Läden aufgestöbert wurden.
Unter den Schauspielern wiegt die Farbe Rosa vor: außer der Melato, muß auf die hervorragende Annamaria Guarnieri (in der Rolle der Erzieherin), Galatea Ranzi (die Stiefmutter mit königlichem Flair) und eine angemessene Giorgia Senese hingewiesen werden (sie verkörpert perfekt die Rolle der Mutter im Stil von Cruella DeVil). Nicht zu unterschätzen das Theaterdebüt von Gabriel Garko (schön und unerreichbar). In wenigen Worten: "What Maisie knew" ist wahrscheinlich eine der besten Arten, um die Schönheit und die Magie des Theaters zu verbreiten.
"What Maisie knew", von Henry James
Regie von Luca Ronconi
Koproduktion Piccolo Teatro Mailand
Wo: bis zum 28. März 2002 im Theater von Genua
März.2002
Theater von Genua (auf Italienisch)
Piccolo Teatro Mailand (auf Italienisch)